«Mit Ovo chasch’s nid besser. Aber länger.»
Es ist einer der besten Schweizer Werbesprüche. Ovomaltine macht aus einem durchschnittlichen Skifahrer keinen Olympiasieger. Aber vielleicht fährt er noch eine Abfahrt, wenn die anderen bereits müde im Restaurant sitzen. Das war die Idee.
Nicht besser. Aber länger.
In diesen Worten steckt eine erstaunlich zeitgemässe Idee. Denn plötzlich wollen alle länger leben. Die Longevity-Branche misst biologische Uhren, analysiert Blutwerte und verkauft Pülverchen, Infusionen und Kapseln. Wir sollen den Schlaf optimieren, den Stoffwechsel hacken und das Altern verlangsamen.
Vielleicht gelingt es tatsächlich, unser Leben zu verlängern. Aber was genau wird da länger? Das Leben? Oder bloss das schwache und leidende Dasein?
Wir sprechen gerne von der Lebenserwartung. Viel seltener sprechen wir über die Erwartung an dieses Leben. Was möchten wir in den gewonnenen Jahren noch können? Treppen steigen. Vom Boden aufstehen. Einkäufe tragen. Mit den Enkelkindern spielen. Wandern. Reisen. Für uns selbst und andere sorgen.
Das klingt bescheiden. Ist es aber nicht. Denn all das setzt einen Körper voraus, der nicht nur vorhanden, sondern verfügbar ist. Einen Körper, der uns trägt.
Unsere Lebenserwartung kann steigen, während unsere körperlichen Fähigkeiten sinken. Dann gewinnen wir Lebensjahre und verlieren Kraft fürs Leben. Wir sind länger da, können mit diesem Dasein jedoch immer weniger anfangen. Da sein und trotzdem nicht ganz da sein.
Das ist der blinde Fleck mancher Verjüngungsversprechen. Der Mensch erscheint darin wie eine Maschine, deren Laufzeit verlängert werden soll. Doch eine Maschine muss nur weiterlaufen. Ein Mensch will aufstehen, hinausgehen, teilnehmen, erleben und etwas bewirken. Er will nicht bloss existieren. Er will können.
Die entscheidende Grösse eines langen Lebens ist deshalb nicht allein seine Dauer. Es ist die Dauer unserer Fähigkeiten. Wie lange können wir selbstständig gehen, Lasten tragen oder uns auffangen, wenn wir stolpern? Wie lange können wir dem Leben körperlich etwas entgegensetzen?
Dafür braucht es Muskulatur. Sie bewegt nicht nur unsere Gelenke. Sie bewahrt Handlungsmöglichkeiten. Muskeln sind die körperliche Voraussetzung dafür, dass aus Lebenszeit gelebtes Leben werden kann.
Trotzdem behandeln wir sie, als wären sie eine Zugabe für Sportliche. Als ginge es beim Krafttraining um Bizeps und Sixpack, Strandfigur und ein jüngeres Spiegelbild. Dabei geht es um etwas Grundsätzlicheres: um Daseinkönnen.
Der Pionier für gesundheitsorientiertes Krafttraining Werner Kieser sagte: «Der Mensch wächst am Widerstand.» Es gilt ganz wörtlich für den Körper. Ein Muskel wächst am Widerstand. Und er schrumpft ohne Widerstand.
Das Tragische daran ist nicht der kleinere Oberarm. Es ist der kleiner werdende Radius unseres Lebens. Zuerst wird eine Tätigkeit anstrengender. Dann vermeiden wir sie. Schliesslich können wir sie nicht mehr. So wird die Welt eines Menschen kleiner, lange bevor sein Leben endet.
Kein Pulver kann einen Muskel ersetzen, der nie Widerstand erfährt. Keine Kapsel trägt uns die Treppe hinauf. Kein biologisch jüngerer Blutwert hebt uns vom Boden auf. Der Muskel lässt sich nicht überreden. Er verlangt Arbeit.
Das passt schlecht in eine Zeit, die für jedes Problem eine bequemere Lösung sucht. Wir möchten länger leben, aber möglichst wenig dafür tun. Wir investieren in die Verlängerung des Lebens und vergessen die Kräftigung des Lebenden.
Längeres Leben können wir deshalb gerne anders denken. Nicht nur: Wie können wir den Tod möglichst lange hinausschieben? Sondern: Wie können wir das Können möglichst lange erhalten?
Das wäre eine bescheidenere, aber menschlichere Form der Langlebigkeit. Sie verspricht keine Unsterblichkeit. Nicht einmal, dass wir besser werden. Nur, dass wir länger die Kraft haben könnten, unser Leben selbst zu führen.
Ovo kann es angeblich auch nicht besser. Aber länger. Für ein Getränk ist das ein grossartiger Werbespruch.
Für einen menschlichen Körper wäre es ein noch besseres Lebensziel.
Chief Operating Officer (COO)
Über Patrik Meier
Patrik Meier ist Chief Operating Officer (COO) der Kieser Training AG und seit 2011 Mitglied der Geschäftsleitung. Der diplomierte Maschinen- und Wirtschaftsingenieur Patrik Meier hat umfangreiche Erfahrungen in Vertrieb, Marketing und Markenführung. Vor seiner Tätigkeit bei Kieser war er in verschiedenen Führungspositionen in der Gesundheitsbranche tätig. Seine Leidenschaft für Krafttraining entwickelte er durch die erfolgreiche Bekämpfung seiner eigenen Rückenbeschwerden. Er ist davon überzeugt, dass effektives Krafttraining ein Schlüssel zur Prävention und Behandlung von Zivilisationserkrankungen ist.