Wählen Sie ein anderes Land, um Inhalte für Ihren Standort zu sehen und regionale Angebote zu erhalten.

Kieser kostenlos testen
Ein Mann bereitet sich in der modernen und sauberen Umkleide von Kieser auf sein anstehendes Krafttraining vor.

Die Magie der Erschöpfung

Patrik Meier
Chief Operating Officer (COO)

Gesundheit beginnt manchmal genau dort, wo wir glauben, aufhören zu müssen.


Das klingt zunächst widersprüchlich. Schliesslich verbringen wir einen grossen Teil unseres Lebens damit, Erschöpfung zu vermeiden. Wir suchen den Lift statt der Treppe, die Abkürzung statt des Umwegs. Wir automatisieren, delegieren und optimieren. Anstrengung gilt als etwas, das möglichst klein gehalten werden sollte. Vielleicht liegt genau darin eines der grossen Missverständnisse unserer Zeit.

Vor einigen Tagen las ich die Ausschreibung einer Veranstaltung in Biel, an der ich im August teilnehmen darf. Ein Satz blieb mir besonders hängen: «Ohne Kameras, Livestreaming oder Aufzeichnungen - es gilt die Magie des Augenblicks.» Seitdem begleitet mich dieser Gedanke. Die Magie des Augenblicks. 

Ich glaube, diese Magie begegnet uns häufiger, als wir denken. Nur suchen wir sie oft am falschen Ort. Wir erwarten sie auf Reisen, auf einem Berggipfel oder bei einem besonderen Erlebnis. Ich begegne ihr regelmässig im Krafttraining. Genauer gesagt: in einem bestimmten Augenblick der Übungsausführung.

Es ist jener Moment, in dem sich das Gewicht gegen Ende der Übung keinen Millimeter mehr bewegen lässt. Der Muskel hat seine Grenze erreicht. Die Trainingslehre nennt diesen Punkt die momentane muskuläre Erschöpfung. Viele erleben ihn als Ende einer Übung. Ich sehe in ihm einen Wendepunkt. Denn genau dort entscheidet der Körper, wie es weitergeht. Er baut entweder weiter ab - oder beginnt aufzubauen. Der Muskel erhält das Signal, stärker zu werden. Nicht vorher. Genau in diesem einen Augenblick. Ziemlich magisch.


Zwischen Abbau und Aufbau liegt manchmal nur eine einzige Wiederholung.


Je älter wir werden, desto kostbarer wird dieser Moment. Muskelmasse verschwindet nicht plötzlich. Sie geht schleichend verloren, wenn wir unserem Körper keinen Grund mehr geben, sie zu erhalten. Die momentane muskuläre Erschöpfung ist deshalb kein Zeichen des Scheiterns. Sie ist eine Botschaft an den Körper: Bleib stark. Du wirst noch gebraucht.


Doch in diesem Augenblick geschieht noch etwas Zweites. Nicht nur der Muskel verändert sich. Auch der Mensch. Wer sich bewusst bis an diesen Punkt herantastet, lernt, dem Widerstand nicht auszuweichen. Er erlebt, dass Entwicklung selten bequem ist. Dass Wachstum Anstrengung verlangt. Und dass Erschöpfung nicht immer ein Warnsignal sein muss. Es gibt eine Erschöpfung, die uns krank macht. Und es gibt eine Erschöpfung, die Gesundheit erst möglich macht. Zwischen beiden liegt ein fundamentaler Unterschied. Die eine wird uns aufgezwungen. Die andere wählen wir bewusst.


Vielleicht fasziniert mich Krafttraining deshalb seit so vielen Jahren. Nicht nur, weil es Muskeln kräftigt. Sondern weil es uns lehrt, einem Widerstand freiwillig zu begegnen - aufmerksam, konzentriert und ganz im Augenblick. In jenem Moment verschwinden E-Mails, Sitzungen und Schlagzeilen. Es gibt nur noch den Atem, den Muskel und den nächsten Millimeter Bewegung.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Magie des Augenblicks. Nicht, weil etwas Spektakuläres geschieht. Sondern weil in derselben Sekunde zwei Dinge stärker werden. Der Muskel. Und der Mensch.


Gesundheit beginnt deshalb nicht dort, wo wir Erschöpfung vermeiden. Sie beginnt dort, wo wir die richtige Erschöpfung bewusst suchen. Wir suchen die Anpassung, die ihr folgt. Die kurze, bewusst gewählte Erschöpfung ist der Preis, den der Körper verlangt, bevor er beginnt, stärker zu werden. Darin unterscheidet sie sich grundlegend von jener Erschöpfung, die uns über Wochen und Monate zermürbt. Die eine macht krank. Die andere kann Gesundheit überhaupt erst ermöglichen. Genau darin liegt für mich die Magie der Erschöpfung.